Buch-Tipp Januar 2026

Dirk Hansen empfiehlt:

Ferdinand von Schirach

Der stille Freund Roman

Verlag: Luchterhand 2025

Der Autor (*1964, Enkel des ehem. „Reichsjugendführers“ Baldur von Schirach), bekannt als Jurist (Strafverteidiger) und Verfasser zahlreicher Romane, Erzählungen und Theaterstücke, die vielfach als Bestseller seit Jahren auch die internationale Literaturszene beleben, hat jetzt einen neuen lebendigen Erzählband vorgelegt. „Der stille Freund“ umfasst ein gutes Dutzend kurzer Erzählungen, die zusammen gehalten werden durch den Ich-Erzähler und seine über Jahrzehnte währenden Erinnerungen. So unterschiedlich die „Freunde“, Verwandte, Persönlichkeiten, Geschehnisse und Geschichten auch sein mögen, so haben sie offenbar immer einen direkten Bezug zu Familie, Schul- und Studienkollegen des Erzählers. Da stehen  biographische neben zeitgeschichtlichen Details, die menschlich berühren und politisch empören. Die sehr drastische Schilderung der bestialischen Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel lässt den Leser erneut erschauern; aber die Erinnerung an zum Beispiel den erfolgreichen Tennisspieler der 1930er Jahre Gottfried von Cramm oder den jüdischen Schriftsteller, Journalisten und Regisseur Egon Friedell klärt mit Empathie, – an mancher Stelle mit name-dropping vielleicht etwas zu feuilletonistisch – dass Haltung, Charakter und Anstand zu allen Zeiten obsiegen müssten. Der Jurist von Schirach, der etliche Prozesse zu zeithistorischen Ereignissen bestritten hat (z.B. NS-Untaten, Mauerschützen), weiß um „Schuld“ und „Verbrechen“ (so zwei Erzählbände aus seiner Feder) schreibt auch in diesen neuen Erzählungen über Menschen, die Erfolge in Karriere und Beruf erleben ebenso wie im Scheitern zerbrechen und dennoch sich sehnen nach Schutz und Freiheit. Nur scheinbar stehen die Erzählungen nebeneinander, doch als wahrer pageturner lässt der Band einen nicht los bei der Frage nach Schuld, Gerechtigkeit und Sinn.