Micheline Prüter- Müller empfiehlt:
Iryna Fingerova
Zugwind Roman
Verlag: Rowohlt 2026
Der ukrainisch-deutschen Ärztin und Schriftstellerin Irina Fingerova ist etwas Unglaubliches gelungen. Sie schreibt mit Humor, mit Lebensmut und wunderbarer Erzählkraft über das Leben im Krieg. Über Trauer und Glück gleichzeitig. Sie schreibt über die Gefühlswelt der Hausärztin, Mutter, Freundin, Poetin und Ehefrau Mira Zehmann. Mitten in Deutschland, mitten in der Coronazeit, mitten im russischen Angriffskrieg. Sie und ihr ukrainischer Ehemann Andrij waren vor der Krisenzeit nach Deutschland ausgewandert. Inzwischen konnten sie hier vielen Familienmitgliedern äußerlich sichere Unterkünfte und etwas seelische Unterstützung bieten. Aber nicht allen. So zieht es Mira auch während der Bombardements auf Odessa immer mal wieder zurück zu ihrer Oma, zu ihren Freundinnen. Sie versucht die eigene Angst und die Trauer um all die Fehlenden durch quirlige Aktivitäten zu beherrschen. Sie liebt Odessa, liebt das Meer und sehnt sich nach der ukrainischen Lebensart. Aber immer wieder fährt ihr ein eisiger Zugwind durch die Glieder. Bei Bombenalarm in Odessa, bei jeder neuen Kriegsnachricht in Deutschland. Die unerbittliche Kälte der Geschehnisse rüttelt sie durch. Dennoch ist Zugwind ein Buch, das man gerne liest. Jedenfalls in Etappen. Unvergleichlich sind die warmherzigen und gleichzeitig skurrilen Schilderungen der Sorgen all der ukrainischen Patienten, die vor ihrer Hausarztpraxis in langer Schlange stehen, und eigentlich mehr seelische als körperliche Hilfe benötigen – und bekommen.