Rainer Pörzgen empfiehlt:
Cesare Pavese,Bianca Garufi
Großes Feuer
Verlag: Atlantis 2022
Silvia ist im Alter von 13 Jahren aus ihrer sizilianischen Familie geflohen. Zehn Jahre danach erhält sie, die inzwischen in Norditalien lebt, ein Telegramm, in dem sie aufgefordert wird, sofort nach Maratea, nach Hause zu kommen, da Giustino im Sterben liege. Sie drängt Giovanni, sie zu begleiten, obwohl sie sich erst kurz zuvor von ihm getrennt hatte. Er ist bereit, sie zu begleiten.
Der Aufenthalt in Sizilien wird kapitelweise abwechselnd von Giovanni und Silvia erzählt. Schritt für Schritt erfährt der Leser/die Leserin so, was sich hinter jenem schrecklichen Ereignis verbirgt, das damals zu ihrer Flucht geführt hat, und weshalb bei einem Besuch der Familie eine männliche Begleitung wichtig ist. Dabei ist der Leser/die Leserin dem männlichen Protagonisten gegenüber im Vorteil, weil er auch Silvias Erzählungen kennt. Giovanni versteht erst am Ende, worum es hier eigentlich geht.
Cesare Pavese, einer der Hauptvertreter des literarischen Neorealismo, hat diesen Roman „vierhändig“ mit der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Bianca Garufi geschrieben. Beide gehörten sie zu einem Kreis von Schriftstellern und Intellektuellen im und um den Verlag Inaudi in Turin. Cesare Pavese hat die Giovanni-, Bianca Garufi die Silvia-Kapitel geschrieben. Auf dieses Experiment ließen sie sich bereits im Jahr 1949 ein, aber infolge seines Suizids geriet das Manuskript zunächst in Vergessenheit. Erst Italo Calvino, Paveses Freund und Nachlassverwalter ist Jahre später darauf gestoßen und hat es 1959 veröffentlicht. Eine erste deutsche Übersetzung erschien 1962, die aber so gut wie keine Beachtung fand. Nun hat Maja Pflug dieses lesenswerte Buch neu übersetzt.